Fotokurs Teil 2: Richtig belichten


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Ist Knowhow über das Belichten im Zeitalter der vollautomatisch funktionierenden Kameras noch nötig? – Nein, wenn man auf Zufallsergebnisse oder darauf vertraut, dass die Kamera für einen entscheidet, welche Bereiche im Bild scharf sein sollen, ob das Gesicht einer Person im Gegenlicht noch erkennbar oder nur eine Silhouette sein soll, ob eine Lichtstimmung durch den automatisch aufklappenden Blitz zerstört wird oder ob die Details im Bild von der Rauschunterdrückung zugeschmiert werden. Und es ist auch nicht nötig, wenn man es nicht peinlich findet, mit einer teuren Kamera herumzuprotzen und im Automatikmodus zu knipsen, beim Sonnenuntergang das Rädchen auf Sonnenuntergang zu stellen, bei Sport auf Sport und beim Porträt auf Porträt, ohne zu wissen, was dann geschieht.

Wie in Teil 1 vermerkt, ist das Wichtigste für ein gutes Bild das Gestalten des Motivs. Völlige technische Unkenntnis kann aber jede noch so gute Gestaltungsidee vernichten. Letztendlich muss die Idee als Licht auf den Sensor oder den Film gelangen, und zwar als richtig dosiertes Licht in Menge und Zeit. Sonst ist das Bild zu dunkel, zu hell, verwackelt oder sonstwie verpfuscht. Zwar werden die Automatiken dank der technologischen Weiterentwicklung immer besser, aber nur wer das Handwerk kennt, bekommt mit hoher Zuverlässigkeit gute Ergebnisse und auch die gewollten gestalterischen Effekte. Im Wesentlichen gilt es, die Funktionsweise und das Zusammenspiel von Blende, Verschlusszeit und ISO zu verstehen.

Dieses Verständnis kann ein Blick auf eine klassische analoge Kamera erleichtern: Bei einer Leica M6 sind die Einstellräder noch dort, wo sie hingehören. Wenn das Objektiv etwas tun soll, verstelle ich das am Objektiv (Blende und Entfernungseinstellung, also Fokus); wenn das Gehäuse etwas tun soll, dann verstelle ich das am Gehäuse (Verschlussvorgang einstellen und auslösen sowie der Belichtungsmessung mitteilen, wie empfindlich der eingelegte Film ist).

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Wir sehen einen schwarzen Kasten, das Gehäuse, auf dessen Oberseite neben dem Auslöseknopf mit dem Verschlussaufzugshebel, der auch den Film transportiert, ein Drehrad angebracht ist, auf dem in Weiss die möglichen Verschlusszeiten stehen. Diese Zahlen sind – mathematisch gesprochen – die Nenner von Brüchen: 1000 bedeutet also 1/1000 Sekunde, 15 bedeutet 1/15 Sekunde. Die Zahl, die beim weissen Strich steht, gibt an, wie lange der Verschluss offen bleibt. Kann ich das grad auf Anhieb sehen und einstellen, dann kann ich etwa darauf reagieren, dass nicht jedes Motiv mit derselben Verschlusszeit festzuhalten ist. Will ich einen Sportler in Bewegung einfrieren, muss ich eine sehr schnelle Verschlusszeit wählen oder im Falle einer Automatik eben darauf achten, dass die Einstellungen so gewählt sind, dass eine bestimmte Verschlusszeit nicht überschritten wird. Muss die Verschlusszeit nun so schnell sein, so muss ich darauf achten, dass in dieser kurzen Zeit sehr viel Licht durch das Objektiv ins Gehäuse hinein kann. Die Lichtmenge stelle ich dann mit der Blende ein, hier beim Zeissobjektiv an der M6 ist der Blendeneinstellring ganz vorne. Dieser Einstellring ist mit den sogenannten Blendenzahlen markiert. Mit dem Blendenring am Objektiv verkleinert oder vergrössert man die Eintrittspupille des Objektivs, wenn man sie schliesst bzw. öffnet und lässt somit weniger oder mehr Licht durch. Bei vielen modernen Digitalkameras wird die Blende nicht mehr am Objektiv selber eingestellt, sondern an einem Rädchen an der Kamera, wenn man das überhaupt noch manuell macht. Die Blendenangabe kann dann im Sucher oder auf dem Display angezeigt werden. Ebenso wird bei den meisten modernen Kameras die Verschlusszeit nicht mehr mit einem Drehrad eingegeben, sondern mit einem Rädchen an der Kamera, indem man im Sucher die Anzeige kontrolliert, oder aber die Verschlusszeit wird von der Kamera automatisch berechnet. Die am Objektiv eingestellte Blendenzahl ist nun, mathematisch gesehen, das Resultat einer Division: Die Brennweite des Objektivs geteilt durch den Durchmesser der Eintrittspupille ergibt die Blendenzahl. Wenn ein 50mm eine grösste Eintrittspupille von 50mm hat, dann hat es die Lichtstärke 1. Blendet man dieses Objektiv ab, schliesst man also die Blendenlamellen durch Drehen des Blendenrings, dann vergrössert sich zwar die Blendenzahl (Eintrittspupille z. B. nur noch 25mm: 50 geteilt durch 25 ergeben Blendenzahl 2), aber die Lichtmenge nimmt natürlich ab, denn man verkleinert ja den Durchgang. Die Blendenreihe nun ist eine Reihe von Zahlen, die mit jedem Sprung einer ganzen Blende angeben, dass die Lichtmenge, die durchgelassen wird, sich verdoppelt oder halbiert:

1 – 1.4 – 2 – 2.8 – 4 – 5.6 – 8 – 11 – 16 – 22 – 32

Man kann mit dem Zusammenspiel von Blende und Verschlusszeit nun mit verschiedenen Kombinationen dieselbe Belichtung erzielen und somit ausgleichen, wenn man mal eine besonders schnelle oder langsame Verschlusszeit will oder eine besonders grosse oder kleine Blende. Die Bildwirkung dieser Einstellungen wird weiter unten erklärt. An der Kamera sieht das dann so aus:

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Bei der oberen Einstellung ist 1/125s Verschlusszeit eingestellt. Nehmen wir an, die Belichtungsmessung ergibt, dass ich die Blende auf 5.6 einstellen, also um zwei ganze Blendenwerte abblenden muss, damit das Bild richtig belichtet ist. Stattdessen kann ich auch die Belichtungszeit verdoppeln, also 1/60s einstellen, dann muss ich aber auch noch mal eine ganze Blende abblenden, also auf 8, damit nur halb so viel Licht durchkommt. Sonst ist das Bild nachher überbelichtet. Dieses Spiel kann ich in beide Richtungen machen. Aber ich muss immer, wenn ich die Lichtmenge erhöhe, die Zeit verkürzen, und wenn ich die Lichtmenge verringere, die Zeit verlängern, wenn ich dieselbe Belichtung haben möchte.

Damit klar wird, warum das für die Praxis wichtig ist, muss man wissen, was eine Veränderung der Verschlusszeit beziehungsweise der Blende bildästhetisch bewirkt, sonst kann man wirklich alles die Vollautomatik machen lassen. Beginnen wir mit der Blende: Die Blende beeinflusst die Schärfentiefe. Verwende ich das Objektiv offen, also nicht abgeblendet (kleine Blendenzahl), dann ist im Bild nur ein schmaler Tiefenbereich scharf, wenn das Objektiv lichtstark ist. Wie stark dieser Effekt auftritt, hängt unter anderem eben von der Lichtstärke des Objektivs ab, die man meistens an der Fassung der Frontlinse ablesen kann, das ist die Blendenzahl bei der grössten Öffnung. Im oberen Beispiel liegt die Lichtstärke bei 2.8. Es gibt jedoch Objektive, die Lichtstärken bis zu 1 aufweisen. Es ist extrem schwierig, sehr lichtstarke Objektive zu bauen, die möglichst geringe optische Fehler haben. Häufig sind Festbrennweiten lichtstärker als Zoomobjektive, die einen ganzen Brennweitenbereich abdecken müssen. Bei offener Blende ist ein Objektiv optisch meist nicht maximal leistungsfähig. Es ist dann etwas weniger scharf als abgeblendet, es bedient dann vor allem die Randbereiche nicht so gut wie die Mitte. Aber das Hervorheben des scharf gezeichneten Motivs vor einem unscharfen Hintergrund ist eben ein gestalterisches Mittel, das man immer wieder gerne einsetzt, hier bei 50mm mit Blende 1.4:

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Dasselbe Objektiv kann statt für ein Porträt auch für eine Landschaftsaufnahme verwendet werden, bei der eine viel grössere Schärfentiefe erreicht werden kann, wenn man es stark abblendet:

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Überlässt man in solchen Momenten die Entscheidung aller Einstellungen der Kamera, dann bekommt man vielleicht weder beim Porträt noch bei der Landschaftsaufnahme das, was man will. Hat die Kamera einen eingebauten Blitz, der sich automatisch zuschaltet, dann fährt der bei einem nächtlichen Porträt einfach hoch und knallt dem Porträtierten mal eine Ladung grelles Licht ins Gesicht, während der schöne Lichterreigen, der im Hintergrund wäre, in Dunkelheit absaufen würde. Und bei der Landschaftsaufnahme wird möglicherweise die Blende wegen des schlechten Wetters einfach aufgemacht und die Schärfentiefe wäre deutlich geringer. Es lohnt sich, mit der Blende zu spielen, bis man weiss, wie man die dadurch erzeugte selektive Schärfe einsetzen kann. Die meisten Kameras haben eine Zeitautomatik. Man kann also die Blende von Hand einstellen und die passende Verschlusszeit wird automatisch berechnet. Das Praktische an der Digitalfotografie ist, dass man im Nachhinein am Computer in den Zusatzinfos der Bilddateien, den sogenannten EXIFS, den Blendenwert und die Verschlusszeit ablesen kann, die verwendet wurden. Anhand dieser Infos bekommt man dann beim Durchsehen der Bilder das präzise Feedback, welche Einstellung sich wie stark auswirkt.

In der Praxis sieht das dann so aus, dass ich mit Zeitautomatik fotografiere. Ich wähle also die Blende manuell vor, je nach meinem Wunsch, wie die Schärfentiefe ausfallen soll. Die Kamera misst dann die Belichtung und berechnet die richtige Verschlusszeit. Auf dem Display kontrolliere ich dann, ob die Schärfentiefe wie gewünscht ausgefallen ist. Falls nicht, verändere ich die Blendeneinstellung und wiederhole die Aufnahme, was natürlich nicht immer möglich ist. Beim unten stehenden Porträt der beiden Schauspielerinnen Sabine Schädler und Céline Oehen für die “BZ Basel” mussten beide Augenpaare in der Schärfeebene liegen, ich wollte aber trotzdem einen möglichst unscharfen Hintergrund, damit die beiden Gesichter plastischer hervortreten. Die beiden mussten also in möglichst derselben Entfernung zur Kamera stehen und ich wählte dann eine möglichst offene, aber doch nicht zu grosse Blende am 50mm-Objektiv:

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Während die Blende reguliert, wie viel Licht durch das Objektiv ins Gehäuse fallen kann, bestimmt die Verschlusszeit, wie lange die Belichtung dauert.

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Hier hat der Schnee, obwohl das Tageslicht nicht mehr grell war, so viel Licht reflektiert, dass auch abgeblendet auf 5.6 noch eine Verschlusszeit von 1/1600 Sekunde nötig war, damit keine Stelle im Bild ausbrennt. Professionelle Spiegelreflexkameras schaffen Verschlusszeiten bis zu 1/8000 Sekunde. Aber nicht einmal damit lässt sich in der grellen Sonne ein Objektiv auf 1.4 aufblenden. Will man das tun, um eine geringe Schärfentiefe zu erreichen, braucht man einen Graufilter.

Die schnelle Verschlusszeit brauche ich aber auch, um eine Bewegung einzufrieren, etwa im Sport. 1/8000 Sekunde friert hier den Fuss genau in dem Moment ein, wo er den Ball tritt. Der Ball verformt sich gerade, die Wade des Beines, das sich in den Boden krallt, ist voll angespannt und die Wade des Tretbeines ist durchgestreckt. Der Torwart ist bereit zum Absprung. Bei dieser Aufnahme habe ich eine möglichst offene Blende an einem 85mm-Teleobjektiv eingesetzt, um den Tritt auf den Ball als das einzig scharfe Element des Bildes hervorzuheben:

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Mit einer längeren Verschlusszeit kann ich dagegen eine Bewegung darstellen, indem ich mit dem Motiv mitziehe. Da diese eine Aufnahmetechnik ist, die oft im Rennsport verwendet wird, führe ich hier ein Beispiel vom kleinsten Rennfahrer an, den ich kenne, nämlich von meinem Sohn. Blende 8 bei 1/25 Sekunde Verschlusszeit:

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Auf dem Stativ ist dann der Spielraum für eine Langzeitbelichtung viel grösser: Eine gleichmässig fliessende Bewegung wird bei mehreren Sekunden Belichtungszeit ganz ruhig. Und Gebäude, die ja hoffentlich nicht wackeln, können scharf eingefangen werden. Hier der Vollmond über der Kaserne Basel und dem Rhein bei 16 Sekunden Belichtungszeit:

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Es gilt also, in jeder Situation die geeignete Verschlusszeit zu wählen oder im Auge zu behalten, ob sie in einem Bereich ist, den ich für die gewünschte Bildwirkung brauche. Und das führt auch zum letzten der drei Einstellparameter: zur Empfindlichkeit. Bei klassischem Film muss ich für eine Reihe von 36 Aufnahmen die Empfindlichkeit wählen, indem ich z. B. einen 100er, 400er oder 800er Film einlege und die ISO-Zahl auf der Kamera wähle. Bei der digitalen Fotografie habe ich den Vorteil, dass ich die ISO-Zahl für jede Aufnahme anpassen kann. Eine Verdoppelung der ISO-Zahl bedeutet eine Blende Lichtgewinn. Wenn ich also in einer Situation für ISO 100 1/20 Sekunde Verschlusszeit nehmen müsste, dann würde die Aufnahme in der Situation wahrscheinlich verwackelt oder verwischt. Ich kann also entweder mehr Licht schaffen, mit einem Blitz etwa, oder aber die Empfindlichkeit heraufsetzen. Gehe ich in der Situation auf ISO 200, brauche ich nur 1/40 Sekunde Verschlusszeit, bei ISO 400 nur 1/80 Sekunde. Ich versuche dabei immer, den möglichst tiefsten ISO-Wert zu nehmen, der mir eine Verschlusszeit ermöglicht, bei der die Aufnahme nicht verwackelt ist und bei der die Bewegung, falls es eine gibt, eingefroren wird, wenn ich das möchte. Dazu gehört, dass ich die Blende so offen wie möglich verwende, damit genügend Licht auf den Sensor trifft. Das Erhöhen der ISO-Empfindlichkeit hat unweigerlich einen Qualitätsverlust zur Folge. Die technologische Entwicklung der Sensoren und Kameraprozessoren hat in den letzten Jahren allerdings so grosse Fortschritte gemacht, dass bis zu einem gewissen Grad eine Erhöhung weitgehend folgenlos bleibt. Das zunehmende Bildrauschen wird durch Rauschunterdrückung kompensiert. Bei kleineren Sensoren in Kompaktkameras oder Handys kann das dann aber zu unschönen Schmiereffekten führen.

In gewissen Situationen, in denen ich kein sehr lichtstarkes Objektiv dabei habe und in denen ich nicht blitzen kann oder will, komme ich um eine massive Erhöhung der Empfindlichkeit nicht herum. Das steckt eine moderne Kleinbildkamera (sogenanntes “Vollformat”) bei sorgfältiger Belichtung jedoch locker weg. ISO 3200 bei 1/60 Sekunde:

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