Fotokurs Teil 1: Das Motiv sehen und im Rahmen gestalten


Natürlich kann alles, was sichtbar ist, Motiv für ein Foto werden. Es kommt darauf an, worin man ein Motiv, also ein Thema, erkennen und wie man dieses erkennbar darstellen kann. Ein Motiv kann konkret sein, wie etwa ein Gesicht, ein Gegenstand, ein Gebäude, oder es kann abstrakt sein, wie etwa unterschiedliche Farbflächen, eine Oberflächenstruktur, eine Linie oder eine Figur, die man keinem Gegenstand zuordnen könnte. Ein Bild kann unscharf, zu dunkel, zu hell, verrauscht sein oder andere technische Mängel haben und immer noch gut sein, ja geradezu eine Ikone des Fotojournalismus werden, wenn das Motiv interessant ist und aussagekräftig inszeniert wird. Damit meine ich ein bewusstes Platzieren der Bildelemente oder des Hauptmotivs im gegebenen Rahmen (oder ein Zuschneiden danach): Ein symmetrisch komponiertes Bild kann harmonisch oder auch langweilig wirken. Deswegen ist es häufig wirksam, ein Motiv oder wichtige Linien und Elemente im Bild nicht in der Mitte zu platzieren.

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Im Bild oben entsteht eine schwungvoller Zug, ausgehend von den beiden Menschen mit ihrem Hund, der die spiralförmig Treppe hochrennen will auf das Viadukt, eine diagonale Gerade rechts oben zum Bild hinaus.  Ich hatte in der Situation die Treppe vor mir und das Viadukt, nur unten rechts war ein langweiliger Raum. Ich musste einfach warten, bis jemand ins Bild hineinlief.

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Wäre im obigen Bild das Ende der Passage (Durchgang in der Erlentorüberbauung, Basel) in der Bildmitte, so würde sich eine harmonische grafische Wirkung ergeben. Ich finde die hier gewählte Aufteilung spannender: Es ergeben sich Diagonalen mit unterschiedlichem Einfallswinkel. Man achtet, weil die Wand und der Boden mehr Platz bekommen, auch auf die Oberflächenstruktur der Passage (das geometrische Muster am Boden und die Filmkornstruktur an der Wand) und vergleicht die moderne Architektur des Vordergrundes mit der alten, die dahinter im hellen Quadrat erscheint. Trotzdem verlaufen die waagrechten und senkrechten Linien parallel zum Bildrand. Um das zu erreichen, durfte ich nicht in der Mitte des Ganges stehen und die Kamera seitlich schwenken, sonst ergibt sich eine perspektivische Verzerrung, bei der alle Linien stürzen und keine Parallelen mehr da sind. Das wollte ich bei diesem Bild nicht. Ich musste nach links von der Mitte des Ganges weg und in die Knie gehen und dann die Kamera senkrecht und waagrecht absolut parallel halten. Das Foto ist ein eingescanntes und umgewandeltes Negativ aus der analogen Leica M6, Film: Ilford Delta 100. Es fand keine elektronische Korrektur der Perspektive im Nachhinein statt.

Um das Motiv so in den Rahmen zu kriegen, dass es spannend ist, muss ich also die richtige Position haben, nicht bloss die Kamera in die richtige Richtung halten.

Ein gutes Motiv, ein gelungener Bildaufbau – das sind schon einmal gute Voraussetzungen für ein gutes Bild, aber das reicht noch nicht. Ich brauche auch gutes Licht. Damit meine ich nicht, dass ich möglichst viel Licht bräuchte und dass ich bei wenig Licht keine Fotos machen sollte, sondern vielmehr dass ich ein für mein Motiv und die Situation günstiges Licht brauche. Die „kopflose“ Person steigt hier auf der Treppe ins Licht:

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Damit die Wendeltreppe klar erkennbar ist, brauchte es hier aber auch frontales Licht und nicht nur Licht von oben. Das war im Kollegiengebäude der Universität Basel gegeben, denn hinter meinem Standort ist die verglaste Eingangstür.

Das Licht (häufig aus mehreren Quellen und in Mischungen) gut zu nutzen bzw. einzusetzen, ist immer wieder eine grosse Herausforderung, die zum Erfassen und Inszenieren des Motivs gehört.

Was aber sind gute Motive, Bildideen? Einfach gesagt: Kontraste!

Inhaltliche Kontraste: gross und klein, zierlich und wild, schön und hässlich, unbelebt und lebendig. Ästhetische Kontraste: hell und dunkel, unterschiedliche Farben, scharf und unscharf, bewegt und starr, gerade und rund, strukturiert und chaotisch.

Inhaltlicher Kontrast: Bild Basler Frühlingsmode 2013

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Ästhetischer Kontrast: Komplementärfarben Blau und Orange

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Inhaltlicher und ästhetischer Kontrast: zierlich und wild, klein und gross, hell und dunkel, scharf und unscharf

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